Wie oft denkt man(n) an sein Aquarium?

28. Mai 2006, 18:23

Wie oft denkt man(n) an sein Aquarium?

Es ist erstaunlich: Die Wellen schlagen ans Ufer, der Bach schlängelt sich noch – ahnungslos – durch den Vorgarten und transportiert den Stoff, aus dem Aquarianerträume weltweit gemacht sind, richtung Ozean. Sand!
Für den einen nur ein wertloses Zerfallsprodukt schroffer Gebirgszüge, gut für Mauerwerk und Sandkisten, für Aquarianer der wichtigste Rohstoff für die Erzeugung seines nächsten Vorzeige-Aquariums. Glück und Glas, sagt das Sprichwort, und wie zerbrechlich das sein könne.
Auch davon hat man bislang nur über vier Kanten aus Erzählungen Dritter gehört. Solange es nicht das eigene Aquarium betrifft, nimmt man derartiges nur flüchtig zur Kenntnis und entsorgt den Gedanken reflexartig – in bewährter Weise – beim nächsten Teilwasserwechsel.

Eines Tages ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass ich öfter an meine Aquarien denke als an meine Frau. Nicht möglich! Ausgeschlossen, das darf doch nicht sein, dachte ich bestürzt, bis mir in den Sinn kam, dass ich es ja mit knapp 90 Aquarien zu tun habe, aber nur mit einer Frau.

Also stimmt die Relation schon wieder einigermassen. Ich reimte mir zusammen, dass das Verhältnis 1:90 zwar, statistisch gesehen, die Aquarien gravierend bevorzugt, dass die Gewichtung aber eine ganz andere sei: wenn von den 90 Aquarien einmal eins vergessen wird, dann passiert normalerweise – nichts.
Barben, Salmler und co machen kommunal einen auf eisvogelreif, ziehen spitze Mäuler und betteln am nächsten Tag ein wenig aufdringlicher um Futter. Die wüstesten Cichliden geben ihre Reviere – statt für ein Königreich – für eine billige Futterflocke auf, klemmen artig ihre Flossen und drücken die Nasen mitleidig an den Scheiben platt – nur, um nach der Fütterung wieder grimmig ihr Gelege zu verteidigen.
Die Hand, die sie füttert, beissen sie wie selbstverständlich, und der Aquarianer zeigt sich ergriffen und frohlockt über diese kompromisslose Haltung der Fischnatur in seinem Wohnzimmeraquarium, freut sich schon auf den nächsten, natürlich zufälligen Handgriff in Reviernähe: bitte, beisst mich nochmal!

Sie sind nicht nachtragend und können in ihrem Verhalten gar nicht anders, als es ihnen vererbt oder instinktgesteuert vorgegeben war, sind auf ihre Art gefrässig und besitzergreifend, aber nicht nachtragend. Das ist doch selbstverständlich so, das ist doch normal und gut so.

Wenn ich bei meiner Frau einmal eine Kleinigkeit vergesse, eine Erledigung, ein Jubiläum gar, dann ist normalerweise der Teufel los, und ich bekomme, um im Fachjargon zu bleiben, Ichthyophthirius multistressilis.

Zur Heilung genügt dann dann keine leckere Gurkenscheibe, ein Knäuel fetter Tubifex tubifex im Futterring oder ein Büschel auf Holz gebundenes Javamoos, es darf ein teureres Bündel Landpflanzen mit erwiesenem homöopathischem Langzeiteffekt sein, damit ich wieder was zu Essen bekomme und die Pünktchen aus dem Flensburger Langzeitgedächtnis der Liebsten wieder gelöscht werden.

Meine Frau ist da auch ein wenig nachtragender, nicht wie meine Cichliden – wenn sie dann vor meinen glasigen Vierkantaugen auftaucht, dann dauert der pflegende Eingriff den ganzen Abend, und noch am nächsten Tag grollts durchs Gemäuer.

Um aber beim Thema Aquarien zu bleiben – Aquarien selber sind natürlich selbstlos und nicht nachtragend, wie könnten sie auch – im Gegenteil: Aquarianern muss niemand eins nachtragen, man laufe ihm mit offenen Armen federnden Schritts in den Sonnenuntergang entgegen! Nachts wird das Teil ins Regal gewuchtet, mit vorbereitetem Wasser gefüllt und mit Nachzuchten bestückt, auf dass es am nächsten Morgen nicht weiter auffalle. Wo es herkomme, das neue Aquarium? Ach, aus dem Archiv. Es war schon immer da, wie selbstverständlich man(n) doch sein kann. Eines mehr oder weniger – Ob das einen gravierenden Unterschied mache? Eben keinen besonderen, einen kleinen vielleicht, aber darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an.

Was Aquarien und Frauen dennoch gemeinsam haben? Es gibt soviele schöne davon, die man sich gerne ansieht. Aber das eigene Aquarium ist und bleibt das Schönste. Das ist doch selbstverständlich so, das ist doch normal und gut so.

27.11.2005, Erstveröffentlichung im Zierfischforum.at




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