Sind dreißig Aquarien normal?

26. Mai 2006, 18:04

Sind dreißig Aquarien normal?
Beipacktext für alle, die es riskieren und sich (noch) ein Aquarium anschaffen…

Sind dreißig Aquarien normal? Normalerweise nicht. Außer man ist Aquarianer. Und ein bißchen verrückt.
In meinem Bekanntenkreis wimmelt es von Verrückten. Wir bleiben unter uns. Auf der Straße bewegen wir uns wie ganz normale Bürger.Nur – wenn wir in die Auslage eines Schuhgeschäfts schauen stellen wir uns vor, wie schön sich das Glas für ein Aquarium eignen würde. Vor Zoohandlungen werden wir unruhig.
Die Hände werden feucht, wenn sie nach der Brieftasche tasten. Der Ruhepuls klettert und erreicht seinen Normalwert.

Die meisten Zoohandlungen verdienen eine solche Aufregung gar nicht. Trotzdem. Es könnte ja sein, daß... Vor wenigen Minuten hat der Fremde die Wohnung
verlassen. Erschöpft rauche ich eine Memphis Menthol. Das Hemd klebt mir am Leib, und auf dem Wohnzimmerboden schwimmen Nester von Wasserlinsen. Ich habe drei Guppys verkauft. Der Fremde war drei Stunden bei uns. Typischer Anfänger.
Trank Kaffee, aß Kuche, qualmte die Wohnung voll. Ein Guppy pro Stunde – nicht schlecht! Triumphierend halte ich meiner Liebsten eine Fünfzig Schilling Banknote entgegen. "Ein Fünfziger", krächze ich heiser. "Ja", die Antwort.
Wenn wir Besuch bekommen, dann ist was los! Sprichwörtlich. Besuch, das heißt es geht meist um Fische. Meine Liebste sucht dann rasch das Weite, heißt, sie geht inzwischen shoppen.

Das kann Stunden dauern. Schwer beladen kehrt sie zurück. Lange kann ich mir das nicht mehr leisten. Aber das nimmt man in kauf. Wenn jemand dreißig Aquarien zuhause stehen hat und dafür keinen eigenen Raum oder Keller, sondern in der Wohnung, bekommt das Wörtchen Toleranz plötzlich eine ganz neue Bedeutung. Die meisten Besucher haben zuhause ein, vielleicht zwei Aquarien stehen. Dreißig Becken auf einen Fleck verursachen dann bei vielen Schweißausbrüche.
"Was mache ich falsch?", fragen sie sich. Gar nichts. Sie sind gesund, jeder Arzt kann das bestätigen. Dreißig Aquarien – schön! Möchte ich auch haben!
Ein Fischbesatz, der jeden Zoohändler neidisch erblassen läßt? – Phantastisch!
"Wieviel Arbeit das alles verursacht?" Ach, fast keine. Zwei lächerliche Stunden. Höchstens! Vielleicht drei. Ich sage nicht dazu – pro Tag! Der Gute könnte das vielleicht nicht verkraften.
Also nimmt der Besucher beim nächsten Zoohändler die fehlenden 28 Becken mit, samt Technik und allem drum und dran.
Ein Kleinwagen ginge sich für das Geld auch aus. Aber in seiner Familie gibt es schon drei davon.

Beim nächsten Mal erzählt er mir, daß er seinen gutbezahlten Job inzwischenaufgegeben hat. Er ist Fischzüchter geworden.
Von der Fürsorge bekommt er jetzt eine Sonderunterstützung. Nur – seine Frau hat ihn mitsamt den Kindern verlassen.

"Ist auch gut so", flüstert er verschwörerisch und wirft einer trächtigen Guppy-Lady eine Kußhand zu. "Nächste Woche ist Hochzeit!"
Das Haus hat er inzwischen vollverkachelt und klimatisiert. Weil Platz kostbar ist schläft er in einer Hängematte, die zwischen zwei 1000-Liter-Wannen aufgespannt ist.

So kann er immer aufspringen und schlaftrunken seine Diskusfische füttern, wenn die ihn anpiepsen. Den Wasserwechsel managt er mit einem Feuerwehrschlauch, der quer durchs Haus verlegt wurde. Im Keller dröhnt der Luftkompressor, mit dem man bequem drei Presslufthämmer betreiben könnte. Wieviele Aquarien der Gute jetzt besitzt? Ich weiß es nicht. Demnächst plant er das Haus in ein Aquarium umzubauen. Stolz zeigt er mir die Schwimmhäute zwischen seinen Zehen. "Vom Chirurgen, der auch Michael Jackson behandelt". Der Mann ist doch ganz normal!?
Sicher, werden Sie sagen. Ganz normal. Alter Hut, kaum der Rede wert.
Sie kennen das, weil Sie selber einer von dieser Sorte sind.
Sonst würden Sie jetzt Autowaschen oder Honigwaben schleudern. Oder mit den Kindern spielen.
Denn die Frau muß arbeiten, um Geld nachhause zu bringen. Wenn Ihr Sprößling ein Aquarium möchte werden Sie laut "NEIN" sagen.
Es bleibt nicht bei dem einen. Es ist eine Sucht. Die einen rauchen und vertrinken ihr Vermögen, die andern schaffen sich Aquarien an und werden auch ärmer. Als würden sie Junge bekommen, bevölkern sich die Regale.
Ein Kinderzimmer reicht da schon bald nicht mehr aus.

Vielleicht sollte man das Kind abgeben? Vielleicht bei der nächsten Fischbörse… Vorsichtshalber.
Man kann ja nie wissen. Sicher ist sicher.

Erstveröffentlichung: Aquarien-post Jahrgang 1., Heft 1, Februar 1996





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