Himmelsmikroskopie - sky microskopy

14. September 2006, 23:43

Eigentlich ist diese Bezeichnung irreführend – denn wer mikroskopiert schon den Himmel, wenn er dazu nicht ein Fernrohr benutzt?
Ich benütze den Himmel als Hintergrund, um im Makro-Modus der Digitalkamera mit Hilfe eines Hohlschliffobjektträgers Wasserinsekten zu fotografieren. Entstanden ist diese unkonventionelle Methode wie so oft aus einer Not – viele Insektenlaven erwiesen sich als zu groß für eine fotografisch komplette Darstellung bei der gegebenen kleinsten (40-fachen) Vergrößerung meines Mikroskopes. Die Anschaffung einer Stereolupe ist nicht geplant, zur Verfügung steht eine Digitalkamera mit brauchbarer Makrofunktion.

Makroaufnahmen mit einem Abstand bis zu einen Zentimeter vom Objekt sind mit der Canon A 620 Powershot möglich. Wenn man das fotografierte Objekt dann vom Originalbild ausschneidet, erhält man eine knapp 40-fache Vergrößerung und hat keine Sorgen, das lebende Tier nicht im Bildausschnitt des Mikroskopokulars unterzubringen.
Es stellt sich dabei die Frage, welchen Hintergrund man für die – themenbezogen – aquatischen Lebewesen verwendet. Der erste Versuch in der Küche endete mehr oder weniger kläglich – die Blende des Geschirrspülers ist nicht eben der richtige Hintergrund für eine Mückenlarve ;-)

Hohlschliffobjektträger, Deckgläschen, Kamera und Himmel - Himmelsmikroskopie
Hohlschliffobjektträger, Deckgläschen, Kamera und Himmel – Himmelsmikroskopie.

Bei einer Gelegenheit hatte ich alle notwendigen Gerätschaften, die es zum ‘Himmikroskopieren’ braucht, zur Hand:
- meine Digitalkamera
- einen Hohlschliffobjektträger
- Deckplättchen und Pipette

An diesem Septembertag (05.09.2006) gab es strahlend blauen Himmel über Tirol. In einem aufgelassen Aquarium, das im Freien stand, hatten sich massig Grünalgen gebildet. Larven der Stechmücke Culex pipiens entwickelten sich in der grünen, sonnbeschienen warmen Algensuppe prächtig. Ich hatte noch keine Aufnahmen von Puppen dieser Insektenlarven und wollte mein Bildmaterial entsprechend ergänzen.
Ich legte den Objektträger mit Präparat konventionell auf verschiedenen Untergründen ab und wurde vom Autofocus, der sich auf den Untergrund scharf stellte und nicht auf das Objekt, hartnäckig in meinem Unterfangen sabotiert. Nach einigem hin und her mit manuellen Einstellungen hielt ich den Objektträger gegen den Himmel, um nachzusehen, ob die eingeschlossene Mückenlarve überhaupt noch lebte. Jedenfalls war es dann nur noch ein kleiner Schritt, die Kamera ‘nachsehen’ zu lassen – das erste Bild entstand. Der Autofocus stellte sich perfekt scharf, und der blaue Himmel erwies sich als großartiger Hintergrund für die wasserlebende Mückenlarve.

Man wendet sich von der Sonne ab, um Reflektionen im Glas und Kameraobjektiv zu vermeiden. Durch die gegebene Helligkeit kann man mit sehr kurzen Verschlußzeiten arbeiten. Wenn man – wie ich – fotografisch nicht so bewandert ist, lässt man diese Aufgabe ebenfalls von der Kamera automatisch erledigen. Das geht nicht nur rascher und ist bequemer, sondern erspart viel Herumprobieren und dem fotografierten Insekt unnötigen Aufenthalt im Glaskäfig.

Puppe von Culex pipiens
Puppe einer Stechmückenart (vermutlich Culex pipiens). In diesem Stadium verfügen die Puppen über zwei Atemrohre am Hinterkopf, mit denen an der Wasseroberfläche Luft geatmet wird.

Das Luftbläschen im Bild wurde durch den Druck des Deckgläschens aus dem Atemrohr der Mückenlarve herausgedrückt
Das Luftbläschen im Bild wurde durch den Druck des Deckgläschens aus dem Atemrohr der Mückenlarve herausgedrückt.
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Stechmückenlarve mit grünem Darminhalt, bestehend aus ausfiltrierten und abgeweideten Algen
Stechmückenlarve mit grünem Darminhalt, bestehend aus ausfiltrierten und abgeweideten Algen.
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Puppe der Stechmücke im fortgeschrittenen Entwicklungsstadium
Puppe der Stechmücke im fortgeschrittenen Entwicklungsstadium.
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Mit Sicherheit kann man mit dieser Methode auch kleine Fischeier, Fischlarven, Wasserflöhe etc. sehr gut fotografieren. Ganz grob überschlagen kann man 1 cm Objekt = 800 Pixel Bildbreite gleichsetzen, wenn man den interessanten Bereich aus dem 3.072×2.304 px großen Originalbild ausschneidet. Für das Web sind so große Bilder nicht notwendig, Verkleinerungen ergeben selbst für den Druck noch ausreichend detailgenaue Bilder.

Eine Art Dunkelfeldaufnahme der Mückenlarve als Variante der vorgestellten Methode
Eine Art Dunkelfeldaufnahme als Variante der vorgestellten Methode.
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Eine Art Dunkelfeldaufnahme der schwarzen Mückenlarve als Variante der vorgestellten Methode
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Dunkelfeldaufnahmen sind mit der Methode auch tagsüber machbar – man muss dazu eigentlich nur in einen halbwegs dunklen, ‘unendlich’ entfernten Raum fotografieren – in der Praxis könnte das eine dunkle Garage sein oder einfach nur eine nicht sonnenbeschienene dunklere Fläche, die so konturenarm ist, dass man mit dem Autofocus der Kamera arbeiten kann. Ansonsten wird das eine gar arge Wacklerei mit einer Hand – in der anderen muss schließlich der Objektträger möglichst ruhig und im rechten Winkel zum Objektiv gehalten werden. Der rechte Winkel ist notwendig, um Spiegelungen im Deckplättchen oder Objektträger selber zu vermeiden. Aufnahmen in der Dämmerung mit Blitz gelingen nicht immer optimal. Ein gutes Fotobearbeitungsprogramm kann das Bildmaterial erheblich verbessern.

Aufnahmen in der Dämmerung mit Blitz gelingen nicht immer optimal
Aufnahmen in der Dämmerung mit Blitz gelingen nicht immer optimal. Auch bei der Schärfe ist man auf die Kooperation des lebenden Objekts angewiesen – wie im Beispiel nicht immer freiwillig in einer Schärfeebene top positioniert.

Bei der Wahl der Hintergrundfarbe der Präparate sind der Phantasie kaum Grenzen gesetzt. Hier ein Beispiel vor einem Kartonagenhaufen
Bei der Wahl der Hintergrundfarbe der Präparate sind der Phantasie kaum Grenzen gesetzt. Hier ein Beispiel vor einem Kartonagenhaufen mit interessanter rotbraunvioletter Farbe, die einen guten Kontrast zur Larve bietet.

Es hat sich herausgestellt, dass man als Medium im Hohlschliffobjektträger nicht das mit der Pipette und Objekt entnommene Wasser verwenden sollte – kleinste Wasserverunreinigungen werden ansonsten im Bild mit dargestellt und würden nachträglich bei der Bildbearbeitung (Retusche) erhebliche Zeit in Anspruch nehmen. Wenn man ein Fläschchen physiologischer Kochsalzlösung bereit hält (als Trägermedium für das Präparat) und ein zweites, um das Wasserlebewesen zu ‘baden’, dann erhält man ausgezeichnete und saubere Bilder. Frisches Leitungswasser ist ungeeignet – es würden sich ausperlende Luftbläschen bilden. Natürlich muss die verwendete Pipette auch entsprechend dimensioniert sein, um das Objekt nicht zu beschädigen oder gar feine Börstchen abzubrechen.

Die Methode ist nicht nur einfach anzuwenden und leicht erlernbar – man hat bei jeder Tümpeltour oder jedem Ausflug ins Grüne immer ein Mikroskop zur Hand. Nachdem das Tierchen – wenn es denn für die Methode ‘klein genug’ für die Objektträgerausnehmung bzw. groß genug ist, um damit ein passables Ergebnis zu erzielen – dabei nicht beschädigt oder getötet wird, kann man es nach dem Fotografieren auch gleich wieder in sein natürliches Umfeld entlassen.

Fazit: eine unkonventionelle, einfache Methode für erstaunlich gute Aufnahmen aquatischer Kleinstlebewesen, auch ohne Mikroskop. Fast-Food Mikroskopie, ganz nach meinem Geschmack.
Einfach ausprobieren und eigene Erfahrungen sammeln, über Abwandlungen mit anderen Motiven und weitere Aspekte, Verfeinerungen oder Rückmeldungen gleich welcher Art würde ich mich freuen :)




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