Naked microscopy oder: wie man Wasserflöhe kaka* zubereitet

18. Juni 2006, 21:47

Naked microscopy, oder: Wie man Wasserflöhe kaka* zubereitet

Teil IV
Das Hellfeldmikroskop erlaubt neben der Betrachtung des Objektes im ‘Durchlicht’ mit der integrierten Lichtquelle unter dem Objekt auch die Beobachtung mit Auflicht.

Entsprechende Ringlichter, kreisrunde Ringe mit vielen integrierten winzigen Kaltlichtkathoden, werden an das Objektiv geklemmt, die Lichtleistung kann man elektronisch regulieren. Eine feine Sache mit einem Haken: der Objektivrevoler bei meinem Mikroskop ist fünffach belegt und für das Ringlicht kein Platz mehr. Eine Anbringung an einer Stereolupe würde sich anbieten – auch die steht mir nicht zur Verfügung. Was tun?

Man nimmt eine Taschenlampe und leuchtet seitlich zwischen den Objektiven auf das Präparat.
Unkonventionell, fehlerbehaftet, aber mit ein wenig Experimentieren und vielen Bildern funktioniert auch das. Ganz nach meinem Geschmack – mit wenig Aufwand den bestmöglichen Effekt erzielen. Der englische Starkoch Jamie Oliver nennt das schnelle Kochen mit wenigen Zutaten ‘Naked’, im Sinne von ursprünglich – der Mann steht natürlich nicht nackt am Herd (‘Naked chef’), und ich verbringe meine Zeit auch nicht nackt vor dem Mikroskop.

Aber ich verkneife mir auch fast den Begriff ‘Naked microscopy’, und wenn du ihn trotzdem hier gelesen hast, dann kannst du ihn mir ja in einem Kommentar näher erklären oder Abstand davon nehmen.
Ich versuche vorerst, mir vorerst diese Formulierung auf Distanz zu halten, weil man theoretische und praktische Schwächen beim Arbeiten mit dem Mikroskop damit legitimieren könnte, und man mit provisorischem Arbeiten natürlich Schludrigkeit, Unvermögen gar oder Unprofessionalität in Verbindung bringen kann. Wer nicht kochen kann, soll ins Restaurant gehen. Du hast natürlich recht, aber eins vergessen: der Spaßfaktor, die Freude an der Sache, am Mikroskopieren, lässt das nicht so ohne weiteres zu. Also habe ich den Begriff erfunden bzw. in Anlehnung an Jamie für meine Zwecke umgeformt.

Mir fällt zum ‘Schnellen Mikroskopieren’ nur ein, dass ich neben Familie und Beruf kaum Zeit finde, viel – in technischer Hinsicht – auszuprobieren oder mich ad hoc auf den letzten Stand einhundertjähriger einschlägiger mikroskoptechnischer Fachliteratur zu bringen. Sehen und gesehen werden – gemeint sind die den Mikroskopsitzungen entstammenden Bilder, und die sollen brauchbar und über dem Durchschnitt sein. Die Zutaten müssen exquisit sein – ein gutes Mikroskop, eine gute Kamera und beide finanziell im leistbaren Bereich, und – das Wichtigste – ein gutes Präparat. Alle drei zusammen genommen ergeben, gewürzt mit Informationen aus dem Kräutergarten der eigenen Erfahrung oder Tatsachenkonserven aus vorhandener Literatur ein interessantes Gericht.

Ein Ofen, eine Pfanne, ein Huhn und Gewürze aus dem Balkonbeet. Das Huhn wird nicht gefragt, sondern zubereitet.
Dabei ist das, was auf diesen Seiten an Informationen aufgetischt wird, keinesfalls ‘schnell’ gekocht. Spontan wird eine Probe von einem Brunnen, einem Aquarium oder sonstigen Wasseransammlung genommen, zuhause das Mikroskop ausgepackt und drauflos fotografiert, ohne das beobachtete Tier zu töten, zu färben oder sonstwie zu präparieren, um das ‘perfekte’ hochauflösende Bild zu erhalten. Was sieht man, was erkennt man auf den ersten, den zweiten Blick? Wer mehr erkennen möchte, muss das ursprüngliche Präparat behandeln, verfremden, verfälschen oder sich mikroskoptechnisch – über das Hellfeld-Mikroskop hinaus – spezialisieren.

Ich will das nicht. Zuviel Arbeit wartet in der Folge noch, bevor sich ein lesenswerter Beitrag ergibt, es muss recherchiert, nachgelesen, bestimmt, die Bilder sollen sortiert und bearbeitet und der gesamte Beitrag in eigenen Worten und der Programmiersprache html aufbereitet werden. Schnelles, ergebnisorientiertes Arbeiten am Mikroskop ist angesagt. Wenn dabei keine brauchbare Perspektive entsteht oder die Bilder nicht aussagekräftig sind, entsteht auch kein Beitrag in diesem Blog. Eine Leichenschau von Präparaten, die mit Ausnahme der Bilder keine weiteren Informationen mit allgemeinem oder besonderem Gebrauchswert für AquarianerInnen oder Naturfreunde zulassen, ist meine Sache nicht.

Aber nun – genug gekocht. Um auf die Auflichtbeleuchtung bzw. seinem Ersatz zurückzukommen: Bei nächster Gelegenheit werde ich eine Kaltlicht-LED Lampe ausprobieren (TL 270 der Fa. Mellert), eine dieser praktischen leuchtstarken Mini-Taschenlampen, die man auch auf dem Schlüsselbund mit sich tragen kann. Die eingebaute Diode erzeugt einen schönen Lichtkegel bei neutral weißem Licht und mit einem Gehäusedurchmesser von weniger als 2 cm passt es auch gut zwischen die angeschraubten Objektive.
Aber davon später mehr.

Im direkten Vergleich nun ein animiertes Bild, welches dasselbe Objekt – einen Wasserfloh und Kiefernpollen – vergleichsweise bei Auf- und Durchlicht abgebildet zeigt:

Auflicht und Durchlicht im Vergleich

Der Unterschied: beim Auflichtbild kann man die Oberfläche des Objektes – und damit das Objekt selber – viel besser und natürlicher erfassen. Bei Durchlicht erhält man einen ‘Röntgeneffekt’, das Abbild beschränkt sich bei der Tiefenschärfe (wenn man nicht mit entsprechender Software mehrere Bilder unterschiedlicher Schärfeebenen ineinander kopiert, was beim beweglichen – lebenden Objekt – ohnedies nicht möglich ist) auf eine Bildebene. Man erkennt so ziemlich jedes Detail, und das Ergebnis ist ein Bild, das aus dem Lehrbuch stammen könnte und nur noch auf seine Beschriftung der Flohbestandteile wartet. In Abwandlung eines Sprichwortes könnte man formulieren: ‘Man erkennt den Floh vor all den Flohbestandteilen nicht mehr’.

Zum Thema Wasserfloh noch zwei Videos eines ausgewachsenen und eines jungen Wasserflohs bei 40-facher Vergrößerung:

Ausgewachsener Wasserfloh unter dem Mikroskop (2,7 MB, 25 Sek.)


Direktlink:
http://www.aquarium-kosmos.de/bilder/videos/wasserfloh_daphnia_40fach_25sec.mpg

Ein junger Wasserfloh unter dem Mikroskop (2,7 MB, 25 Sek.)


Direktlink:
http://www.aquarium-kosmos.de/bilder/videos/wasserfloh_daphnia_jungtier_40fach_25sec.mpg

* kaka: k-k, kulinarisch-köstlich ;-)




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