Süßwasserpolyp Hydra vulgaris

23. Mai 2006, 02:23

Süßwasserpolypen (Hydren) können im Aquarium hin und wieder auftreten und zum Problem werden, wenn man Wert auf Garnelennachzuchten oder eine zahlreiche Jungfischbrut legt. Eingeschleppt wurde sie früher hauptsächlich beim Tümpeln als unerwünschter Beifang zum Lebendfutter. Heute ist die Hauptinfektionsquelle der rege Austausch von Moosen (Javamoos, Vesicularia dubyana) oder Riccia-Polstern der Aquarianer untereinander – der Internetversand tut sein übriges. Neben dem Hydrenex- und Import kommt es so auch zur gründlichen Verbreitung von Muschelkrebsen, Napfschnecken, Schneckenegeln und Planarien. Das zahlreiche Auftreten dieser selbst in neuerer Litertur kaum erwähnten Tierchen hat bestimmt mit diesem regen Austausch zu tun – manche dieser ‘Lästlinge’ waren in Zeiten vor dem Internet in vielen Regionen kaum bekannt. Aber das nur am Rande und sicher auch gut für einen entsprechenden Beitrag
Auch das unbeabsichtigte Einbringen von Hydren mit Lebendfutter, hier v.a. mit Wasserflöhen (Daphnien) im praktischen Portionsbeutel des Zoo-Fachhandels - ist wahrscheinlich möglich. Daneben sind Wasserpflanzen aus ‘unsauberen’ ‘Billigwasserpflanzen-Gärtnereien’, die ihre Ware oft wiederum aus Fernost zukaufen, ziemlich sicher eine Hauptinfektionsquelle, jedenfalls konnte ein Zusammenhang zwischen Wasserpflanzenkauf und einem mehrwöchentlich zeitversetzten Massenauftreten von Hydra sp. nun schon öfter hergestellt werden.

Hydra sp., der Süßwasserpolyp

Hydra sp., der Süßwasserpolyp
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Hydra sp., der Süßwasserpolyp
Keine Floureszenzmikroskop-Aufnahme, aber nahe dran: Hydra vulgaris einmal anders in blaues Licht getaucht. Technik [1]

Hydren (Klasse Hydrozoa), die dem Stamm der Nesseltiere (Cnidaria) zugehörig sind, ernähren sich von mikroskopisch kleinen Einzellern, aber auch kleinere Mehrzeller (Wasserflöhe), Mückenlarven, Würmchen oder Jungfische können ihnen zum Opfer fallen. Mit ihren Nesselkapseln lähmen oder betäuben sie ihr Beutetier und fressen es auf. Hydren können sich sowohl geschlechtlich als auch ungeschlechtlich durch Knospung vermehren. Ihr Regenerationsvermögen ist beeindruckend - selbst aus Bruchstücken von Hydren können sich neue Tiere entwickeln. Das Abschaben von Süßwasserpolypen – und die Zerstückelung bei diesem Vorgang – von der Aquariumscheibe kann so unbeabsichtigt zu einer verstärkten Massenvermehrung führen. Hydren können in kürzester Zeit in Massen auftreten – ganze ‘Wälder’ wehen praktisch von heute auf morgen an den Aquariumscheiben.

Dieses spontane Massenauftreten geht fast immer einher mit einer Massenvermehrung von Einzellern, die dann die Ernährungsgrundlage darstellen. Diese wiederum vermehren sich rasant, wenn es zu einer Bakterienblüte kommt – eine kleine, aber hochinteressante Nahrungspyramide, an deren Ende eigentlich nur eins fehlt: ein Fisch oder Wirbelloser, der unser Aquarium zuverlässig von den Hydren wieder befreit. Als Hydrenfresser sind manche Fadenfische bekannt, z.B. der Blaue Fadenfisch (Trichogaster trichopterus), der Paradiesfisch (Macropodus opercularis) oder der knurrende Zwerggurami (Trichopsis pumila).
Ansonsten kann gegen Hydra der Einsatz von Kochsalz in Konzentrationen von 0,3 – 0,5 % (= 3 – 5 g/l) über fünf bis sieben Tage erfolgversprechend sein – der Einsatz ist jedoch nur im pflanzenlosen Aquarium empfehlenswert, empfindliche Pflanzen werden geschädigt und auch für Weichwasserfische ist diese Prozedur nicht ohne Gefahren. Die Zugabe der Salzlake sollte über mindestens 24 Stunden verteilt erfolgen, nach der Behandlung erfolgt die Reduzierung des Salzgehaltes durch eine Serie von mehreren Teilwasserwechseln.
Auch eine Erwärmung des fischlosen Aquariumwassers auf 40 °C über mehrere Stunden wird die Hydren abtöten – auch hier können die Pflanzen Schaden nehmen, wobei die meisten hartblättrigen Arten diese Behandlung gut vertragen. An Präparaten soll der Einsatz von kupfersulfathältigen Präparaten im eingerichteten Aquarien erfolgversprechend sein – besser darauf verzichten, wenn es nicht unbedingt sein muss – Kupfer erweist sich auch langfristig als sehr schädlich im Aquarium
Meistens genügt es, die Fütterung von Lebendfutter einzustellen oder den Aquariumtyp umzustellen, z.B. von Garnelen auf Fischaquarium. Interessanterweise lassen sich die meisten Massenvermehrungen von Hydra in Klein- oder Kleinstaquarien beobachten, vielleicht deshalb, weil die biologische Stabilität dort doch schwieriger zu erhalten ist.

Hydra vulgaris entfaltet sich
Eine Kleinserie mit Bildern, die das Entfalten des Polypen zeigt. V.li.n.re.: komplett zurückgezogene Tentakeln. Das Tier pumpt sich langsam mit Wasser auf und erreicht über ein Stadium, das einer Gewürznelke sehr ähnlich sieht, letztendlich seine volle Entfaltung. Technik [2]

So rasch, wie Hydra zum ‘Problem’ wurde, so rasch kann sie auch wieder verschwinden – ausserhalb des Aquariums, z.B. in einer Küvette aufbewahrt, sind die Tiere nur wenige Tage lebensfähig (bis zwei Tage) – sie verhungern schlichtweg. Hier könnte man auch bei der Bekämpfung im Aquarium ansetzen – mit Hilfe eines UV-Wasserklärers werden die planktonischen Einzeller bzw. deren Ernährungsgrundlage, die Bakterien, abgetötet oder zumindest in der Zahl reduziert. Schon wenige Tage später wird man einen radikalen Rückgang der Hydren in seinem Aquarium feststellen können.

Hydra geöffnet mit gespannten Fangarmen Zurückgezogene und entfaltete Hydra in einem Bild
Hydra sp., wie man sie farblich entsprechend auch im Aquarium erkennen kann – als zierliche, hellgraue Gebilde. Fotografiert vor wechselnden Hintergründen ohne Deckglas, um die Entfaltung des Polypen und seine Dreidimensionalität erkennbar zu machen.

Was bleibt, ist ein eiserner Bestand, der ggf. wieder zu einer Massenvermehrung führen könnte. Es gibt Schlimmeres! Wenn man partout in diesem Aquarium Garnelen vermehren möchte ist man jedenfalls gut beraten, das Aquarium komplett einer Wärmebehandlung zu unterziehen. Die Bewohner (Fische, Garnelen, Krebse,Schnecken) müssen davor natürlich ausgesiedelt werden. Da mit dieser Temperaturkur auch die Filterbakterien geschädigt werden, empfiehlt sich nach der Behandlung eine begleitende Kontrolle des Nitrit-Gehaltes.
Robuste Pflanzen könnte man – bevor sie entsorgt werden – mit Kaliumpermanganat desinfizieren (Dosierung: 10 mg / Liter Behandlungswasser über zehn Minuten, Pflanzen danach gründlich spülen. Empfindliche Pflanzen können Schaden erleiden, Fische dürfen dieser Konzentration keinesfalls ausgesetzt werden! Die Wirkung beruht auf der Oxidationskraft des KMnO4, das zu atomarem Sauerstoff und Braunstein zerfällt. Die Lösung ist stark färbend, dafür jedoch ungiftig. Mit dieser Methode kann man auch gegen Planarien auf Wasserpflanzen verwenden, oder um ein Laichsubstrat für Fische vor Gebrauch im Zuchtbecken zu desinfizieren.).
Als Alternative zum Desinfizieren von Wasserpflanzen kann man auch Alaun verwenden. Man löst 5-10 g/l Wasser und taucht die Pflanzen kurze Zeit (1-2 Minuten) ein. Auch Schnecken und Planarien lassen sich damit entfernen, was bei Javamoosbüscheln recht praktisch ist.
Eine Methode mit Flubendazol (Flubenol 5 %) gegen Hydra und Schnecken beschreibt Renate Rhusman auf ihren Seiten: 2 g/100 l tötet Hydra sicher ab. Danach einen großzügigen Teilwasserwechsel durchführen oder über Aktivkohle filtern. Das Flubendazol ist schwer löslich und kann ohne Verwendung von Lösungsmitteln mit heissem Wasser in Lösung gebracht werden. Dazu das Medikament in eine Flasche mit heissem Wasser geben und mehrere Minuten kräftig schütteln. Diese Dosierung ist schon recht heftig – gegen Kiemenwürmer bei Discusfischen wird ein Bruchteil der angegebenen 2 g/100 l verwendet, nämlich 200 mg/l (ca. eine Messerspitze).

Flubendazol wird von Saugwelsen sehr schlecht vertragen!

Haftscheibe von Hydra sp.Charakteristisch für den Körperbau der Hydra ist eine Fußscheibe, mit der sich der Polyp an einer Unterlage (Aquariumscheibe, Wasserpflanzen, Dekoration) festklebt. Das Tier verfügt über einen Magen und einen Mund, der von den Tentakeln (je nach Art 4 – 12) umgeben ist. After ist keiner vorhanden.
Das Beutetier wird mit Hilfe von Nesseln erbeutet – abhängig von der Art unterscheidet man zwischen Penetranten (Durchschlagkapseln), Volventen (Wickelkapseln) und Glutinanten (Klebekapseln), die jedoch der Fortbewegung des Tieres dienen. Die Nesselkapseln verfügen über einen Fortsatz, der auf Berührung reagiert und zum Freisetzen des Nesselfadens führt. Das enthaltene Gift wird nach dem Einschlagen des Nesselfadens in das potentielle Beutetier abgegeben, dieses gelähmt oder getötet und dann mit den Tentakeln zum Mund geführt und gefressen. Die Hydren werden bis 2 cm groß und sind deshalb optisch leicht zu erkennen. Schwieriger ist die Unterscheidung der einzelnen Arten, die in manchen Artgruppen nur anhand der Penetranten möglich ist.

In diesem Beitrag soll die Rede von Hydra sp. sein. Eine Vermutung, dass es sich um Hydra vulgaris handeln könnte, spreche ich nur vage aus – mir fehlen die Kenntnisse einer genaueren Bestimmung. In einem späteren Beitrag werde ich ein paar Bilder von Hydra viridis, der Grünen Hydra, zeigen, die sich ob ihrer charakteristischen grünen Farbe immerhin einfach bestimmen lässt.

Einige Mikroskop-Bilder der Hydra:

Hydra vulgaris

Hydra vulgaris

Hydra vulgaris
Alle wesentlichen ‘Bauteile’ einer Hydra auf einen Blick: Haftscheibe, Körper, Mund, Tentakeln.


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Hydra vulgaris
Mikroskopaufnahme: Fotografiert auf Objektträger ohne Deckglas.

Hydra vulgaris
Beim Mikroskopieren mit Deckglas erhält man zwangsläufig flachgedrückte ‘Flundern’, die beindruckende Dreidimensionalität des Tieres ist dahin. Dafür erreicht man eine ordentliche Schärfe bei allen Tentakeln.
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Hydra vulgaris
Dasselbe Motiv der zwei Hydren, diesmal mit Blaufilter fotografiert.

Hydra sp.

Zellen von Hydra
Die einzelnen Zellen der Hydra mit ihren Nesselkapseln an den Fangarmen.
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Ein Fangarm im Detail
Tentakel der Hydra im Detail

Verwendete Technik bei der Herstellung der Bilder:

[1] Nicht immer benötigt man ein Floureszenz-Mikroskop, um eindrucksvolle Aufnahmen herzustellen. In diesem Fall genügte es, die Küvette mit der Hydra auf einen Untergrund zu stellen, der auch ein wenig blaue Farbe enthielt. Als Hintergrund wurde eine schwarze Fläche aufgestellt. Durch die Lichtreflexionen und die Lichtbrechung im Glas ergab sich diese attraktive blaue Färbung – ein Ergebnis, das sich zufällig einstellte (Bild Nr. 2). Dasselbe Ergebnis erzielt man, wenn man den Objektrräger mit dem Präparat ohne Deckglas auf einem Buchdeckel aufbringt und im Makro-Modus fotografiert. Mit meiner Canon Powershot A 620 geht das bis auf 1 cm – da kann man aus einem riesigen Bild immer noch ein 500 Pixel breites Bild ausschneiden. Der Untergrund für die Aufnahmen 1 und 3 in ‘blau’ ist übrigens für jeden Aquarianer empfehlenswert – es handelt sich um das Buch ‘Das Leben im Wassertropfen’ aus dem Kosmos-Verlag. Die Pixel des Umschlagbildes mit den Volvox-Algen wurden händisch nachbearbeitet, ausserdem natürlich noch der Kontrast erhöht und eine Gamma-Korrektur durchgeführt. Das Ergebnis ist einigermassen gut gelungen – ein gutes Bild entsteht selten zufällig, das dürfte soweit jedem klar sein. Alleine für die Bilder auf dieser Seite wurden etwa 250 MB Bildmaterial in den Mülleimer geworfen, die Arbeit an der Seite selber incl. Bildbearbeitung hat etwa 8 Stunden in Anspruch genommen. Wie gesagt – nichts entsteht zufällig und ‘einfach so’ – was zählt, ist das Ergebnis.

[2] Die Hydra wurde auf einen umgedrehten schwarzen Saugnapf, wie man ihn für Aquariumfilter verwendet, gebracht, sodass sich eine schwarze ‘Schüssel’ ergab. Der Saugnapf wiederum wurde in einen Eierbecher gestellt, dieser in einen Glaszylinder gestellt, der praktischerweise gleich die Kamera tragen kann, und dieser wiederum in einen weissen Kochtopf verbracht – eine recht einfache Art, bei manchen Präparaten mit Blitzlicht eine Art ‘Ringblitz’ zu simulieren – das Blitzlicht wird von allen Seiten auf das Präparat reflektiert. Besser geht das noch, wenn man direkt auf das Präparat auf dem Objektträger fotografiert. Bei dieser Serie war das Ergebnis eher mässig gut gelungen; jedenfalls liess sich aus Bildausschnitten etwas basteln, das im Zusammenspiel mit den anderen Aufnahmen doch Sinn ergab. Ich werde mal die Konstruktion herzeigen.




Kommentar

  1. gutgut… nur wie sie ihre nahrung tötet und frisst ist nicht gut beschrieben!


    Mailin    15. Dezember 2007, 17:02    #
  2. hallo

    woher bekomme ich denn sicher eine solche hydra??? im rahmen meiner facharbeit soll ich nämlich eine zucht zur beobachtung anlegen.

    mfg


    schwabbl    13. Februar 2008, 18:52    #
  3. Superartikel. Danke, hab wieder was gelernt, bzw. wieder in Erinnerung gerufen.
    Hydras gibt es z.B. bei der Uni Regendsburg (wie einem anderen Artikel zu entnehmen war), die dort zum Thema Zellzeilung, -Regeneration forschen.


    Roland B aus F.    24. Februar 2008, 19:27    #
  4. Danke. Super Artikel!
    Habe traurigerweise mit einer Polypeninvasion zu kämpfen.
    Der Artikel hat mir bisher am meisten geholfen.
    Danke.


    Mohnesel    21. Oktober 2011, 16:23    #
  5. suppperdupper supermann ich sage nur es ist super duper supermannn ok ich sage nur uperduper supermann


    delikana    7. November 2011, 10:18    #
  6. Danke für die Informationen muss nämlich ein Referat darüber halten aber weiß nicht wo ich die Dinger herbekomme


    Philipp    25. November 2011, 15:13    #
  7. ich breuchte dringend hilfe was das angeht wo ich die teile herbekomme


    Philipp Theilken    25. November 2011, 18:06    #
  8. die dinger kannst von mir haben … was für eine plage


    alex    5. Dezember 2011, 00:09    #
  9. hat noch jemand süßwasserpolypen? wäre nett, wenn mir jemand welche zukommen lassen könnte! :)


    isa    9. Januar 2012, 16:55    #
  10. Super Artikel! Im zoologischen Grundkurs lernte ich viel über diese Tierchen kennen… nun 10 Jahre später treffe ich sie wieder im Aquarium


    Mike    18. März 2012, 18:05    #