Einzugsbecken und Quarantäne-Aquarium
6. Mai 2006, 18:26
Einzugsbecken und Quarantäne-Aquarium
Im Quarantäne-Aquarium werden erkrankte Fische isoliert, um den Restbestand
vor einer möglichen Infektion zu schützen. Der Begriff wird in der Aquaristik
auch gerne etwas sinnentfremdet verwendet – Neuzugänge werden im Quarantäne-Aquarium
erst beobachtet, auch unter der Vorgabe, dass keine sichtbare Erkrankung
vorliegt. Das selbe Prinzip wenden Staaten wie Großbritannien oder Australien
an, um ein Überspringen von Erkrankungen auf den Kontinent oder die Insel zu
vermeiden (z.B. Quarantäne zum Schutz einheimischer Tiere vor Tollwut).
In der Aquaristik kann man ein Quarantäne-Aquarium für mehrere Zwecke
verwenden:
1. Isolierung von sichtbar erkrankten Fischen im
Quarantäne-Aquarium, um sie dort zu behandeln und zu heilen. Die
Maßnahme kann bei Neuzugängen oder Fischen des Altbestandes aus
dem Aquarium angewendet werden.
2. Isolierung von möglicherweise erkrankten Fischen, um sie dort
vorsorglich auf ‘Verdacht’ oder nach einer Diagnose (Mikroskop)
gegen Hauttrüber oder Parasiten zu behandeln. Klassisches Beispiel
einer Anwendung wäre die Behandlung von Discusfischen gegen
Kiemenwürmer oder Darmflagellaten, um die Aquariumanlage ‘sauber’
zu halten.
3. Isolierung von offensichtlich gesunden Neuzugängen, um die
Anpassung der unterschiedlichen Wasserwerte unter
kontrollierten Bedingungen zu erreichen. Eine stressbedingte
Folgeerkrankung, die transportbedingt oder anpassungsbedingt in
dieser Zeit auftritt, kann ohne Gefährdung des Altbestandes
durchgeführt werden.
4. Isolierung von offensichtlich gesunden Neuzugängen im
Quarantäne-Aquarium unter Zusetzen von Fischen des Altbestandes,
um wechselweise eine Ansteckung der Neuzugänge durch vorhandene
Keime oder Parasiten, die mit offensichtlich gesunden Fischen des
Altbestandes in einem ausgewogenen Verhältnis leben,
auszuschließen. Diese scheinbar nebensächliche Maßnahme ist zum
erfolgreichen Abschluß der Eingewöhnung unbedingt erforderlich – Erkrankungen der Aquarienfische bei Neubesatz erfolgen nicht
zwingend durch die neuen Fische – auch der umgekehrte Weg ist
möglich – die neuen Fische erkranken nach dem Kontakt mit einem im
Aquarium vorhandenen Krankheitserreger.
Schon alleine aus diesem Grund ist es kaum möglich, dem Händler
die Schuld an einer Fischkrankheit zuzuschieben wenn man davon
ausgeht, dass man im Händlerbecken einwandfreie und symptomlose
Fische betrachtet und zum Kauf ausgewählt hat. Die Verantwortung
des Verkäufers für die Ware Zierfisch geht unmittelbar nach dem
Bezahlvorgang an den Käufer über.
Welche Möglichkeiten der Ansteckung bzw. des Ausbruchs einer
Erkrankung sind denkbar?
1. Die Fische wurden sichtlich krank erworben und infizieren die
Fische des Altbestandes.
Abhilfe: Beobachten Sie die Fische im Händlerbecken – das
Schwimmverhalten liefert viele Anhaltspunkte auf mögliche
Erkrankungen. Man muß dabei nicht wissen, welches Verhalten für
welche Erkrankung typisch ist. Sprechen Sie den Verkäufer oder
Händler auf bestimmte Verhaltensweisen an, die Sie beobachten
konnten – ein rückenschwimmender Kongowels oder eine ruhende
Prachtschmerle sind noch lange nicht erkrankt, wenn sie sich
arttypisch verhalten; ein Bratpfannenwels ist keine im Bodengrund
halbverscharrte Fischleiche; ein kopfstehender schwarzer
Discusfisch hingegen sollte Ihr Mißtrauen erregen. Ich habe schon
öfter gesehen, dass ein Discusfisch nur deshalb gekauft
wurde, weil er so schön ‘schwarz’ aussah.
Es genügt, wenn die Fische, die man erwerben möchte, keine vom
Artstandard abweisenden Merkmale aufweisen und vom Aussehen der
Abbildung eines brauchbaren Aquariumbuches entsprechen.
2. Die Fische sind beim Kauf einwandfrei und erkranken im
Quarantäne-Aquarium:
Pech – Fisch und Parasit können in einer Art Waffenstillstand gut
miteinander leben. Bei einer Schwächung des Wirtsorganismus nimmt
der Parasit seine Chance wahr, sich auf seinem Wirt zu vermehren
und so – über direkten Kontakt oder den Umweg eines
Schwärmerstadiums – auf anderen potentiellen Wirtsfischen heimisch
zu werden. Behandeln Sie die Fische im Quarantäne-Aquarium nach
genauer Diagnose entsprechend den Empfehlungen der
Heilmittel-Hersteller.
3. Die Fische sind beim Kauf einwandfrei und erkranken im
Gesellschafts-Aquarium UND stecken die vorhandenen Fische an ODER
werden von vorhandenen Krankheitserregern angesteckt ODER
erkranken nicht UND stecken die vorhandenen Fische dennoch mit
einem neu importierten Parasiten an.
Nun beginnt das Rätselraten – wer hat wen angesteckt, wenn
Altbestand und Neuzugänge oder Teile der Bestände gleichermaßen
erkranken? Es bleibt bei Vermutungen. Behandeln Sie den gesamten
Fischbestand nach Diagnose wenn möglich im Gesellschaftsaquarium.
Dazu den Filter abklemmen, empfindliche Pflanzen und Wirbellose
Tiere (Garnelen, Krebse) aus dem Becken ins Quarantäne-Aquarium
überführen und bei guter Belüftung im Gesellschaftsaquarium die
Behandlung durchführen.
Das Quarantäne-Aquarium für den Verwendungszweck, Neuzugänge erst
zu beobachten und ihnen eine Eingewöhnung zu ermöglichen, ist auch
per Definition der falsche Ausdruck. Es wird erst zu einem
Quarantäne-Aquarium, wenn der begründete Verdacht besteht oder
eine Diagnose einer Krankheit vorgenommen werden konntet, dann zum
Zweck der Isolierung der betroffenen Tiere vom Restbestand und
gegebenenfalls als Behandlungsaquarium.
Nennen wir das Quarantäne-Aquarium, wenn es nicht unmittelbar zur
Behandlung einer erkennbaren Krankheit verwendet wird, sondern sein
Zweck in der Vorbeugung von Fischkrankheiten dient (Vorbeugen ist
besser als Heilen) also ehrlicherweise Einzugsbecken oder
salopp Siedlerbecken. Die Aufgabe besteht darin, die Tiere
2-3 Wochen darin zu beobachten, wie sie die Folgen des
Transportstresses verkraftet haben. Passt das soweit, bleiben die
Tiere dennoch 2-3 Wochen darin, bricht eine Krankheit aus, kann
man im Einzugsbecken (das nun tatsächlich ohne viele Umwege
zum Quarantäne-Aquarium mutiert) natürlich viel effektiver
therapeutische Maßnahmen setzen. Alleine der viel geringere
Verbrauch von Medikamenten (und in der Folge der Belastung des
Abwassers in der Kanalisation) rechtfertigt die Maßnahme, ganz
abgesehen davon, dass es eben bei Behandlungen im
Quarantäne-Becken nicht zur Beeinträchtigung von anderen, gesunden
Fischen, Wasserpflanzen, Filterbakterien und der Vielzahl
nützlicher Ein- und Mehrzeller der Mulm- und Filterflora und
Fauna kommt.
Der Sinn der Maßnahme, Neuzugänge vom Altbestand eine gewisse
Zeit getrennt zu halten besteht darin, die Wahrscheinlichkeit
durch diese Vorbeugemaßnahme Krankheiten vorweg zu verhindern,
anstatt ihnen hinterherzuhinken. Die Vorbeugung
besteht darin, eine Erkrankung weiterer Fische zu vermeiden bzw.
die Wahrscheinlichkeit einer Infektion zu minimieren.
Man ist mit dieser Maßnahme der Krankheit einen Schritt
voraus und bestimmt vorerst, wie es mit der Entwicklung der
Neuzugänge weitergeht. Man kann im besten Fall eiene genaue
Geschlechtsbestimmung anhand des Verhaltens vornehmen, das
Immunsystem der Fische durch zusätzliche Vitamingaben stärken oder
ganz einfach nur die Fische genauer kennenlernen, indem man sich
bei Einzeltieren typische Merkmale einprägen kann.
Im Gesellschaftsaquariumhingegen hinkt man, sowohl was Diagnose und
Therapie betrifft, immer einen Schritt hinterher – die
Beobachtung wird durch die Dekoration erschwert, die Wirksamkeit
von Medikamenten ist entweder eingeschränkt (Filterung,
Dekoration) oder zumindest mit Unsicherheitsfaktoren behaftet
(Unwirksamkeit durch die Vielzahl der das gereichte Medikament
determinierenden Faktoren).
Der Sinn des Einzugsbeckens:
– die Fische werden beobachtet, ob sie stressbedingt erkranken.
Unmittelbare Stressfaktoren sind Transportzeit, Transportmethode
und die Umgewöhnung von einem Wasser bestimmter Qualität auf ein
anderes Wasser. Selbst das Weichen des Stresses, dem die Fische
während der Zeit beim Grosshandel oder Einzelhandel ausgesetzt
sind, könnte für eine Erkrankung sorgen, wie man das auch oft als
Abwehrreaktion nach Stressphasen beim Menschen kennt.
Zum besseren Verständnis könnte man Effekte vergleichen, die man
vom Verreisen in andere Länder kennt: veränderte Nahrung, anderes
Wasser verursachen Durchfallerkrankungen.
Man kennt den Auslöser, die Veränderung des Milieus und die
damit verbundene Belastung des Fischorganismus. Was Menschen eine
Woche Bettlägrigkeit oder Durchfall beschert, tötet Fische mit
hoher Wahrscheinlichkeit. Die Anpassungsfähigkeit des ‘Landtieres
Mensch’ ist da einfach viel höher als die der Fische, die seit ihrer Artentstehung an dieselben gleichmässigen Bedingungen angepasst sind. Änderten
sich diese Bedingungen (Umweltfaktoren), starb die Art aus oder entwickelte sich per
Anpassung weiter.
Nach 10 Tagen ist diese erste Eingewöhnungsphase abgeschlossen
– die Fische werden an die neue Wasserqualität gewöhnt und die Inkubationszeit
für viele typische Zierfischkrankheiten (Zeitraum des Ausbruchs einer Krankheit)
abgewartet. Es ist also empfehlenswert,
im Einzugsbecken nahezu identische Wasserwerte und Temperatur wie im
Gesellschaftsbecken herzustellen. Man erreicht das ganz einfach,
indem man Wasser aus dem Hauptbecken verwendet.
– die Neuzugänge erhalten nach etwa 10 Tagen
Gesellschaft von 2-3 Fischen (wenn möglich derselben Gattung oder
Familie, also Platy zu Platy oder Schwertträger zu Molly etc.) aus
dem vorhandenen Altbestand.
Infektionen können nicht nur in einer Richtung,
also vom Neuzugang zum Altbestand, sondern natürlich auch vom
Altbestand zum Neuzugang erfolgen. Diese Phase der Beobachtung
dauert wiederum 10 Tage, in der die meisten Zierfischkrankheiten
ausbrechen. Nach diesen 20 Tagen (ich erwähnte 2-3 Wochen, es kann
im Einzelfall auch früher erfolgen, wenn man die Routine hat und
am Verhalten der Fische keine Abnormalitäten feststellen kann)
werden die Neuzugänge in einer Horuck-Aktion ohne Anpassung sofort
vom Quarantäne-Aquarium ins Gesellschaftsaquarium gesetzt.
Das Einzugsbecken enthält im Optimalfall einen
luftbetriebenen Schwammfilter, ganz einfach aus dem Grund, weil
die Luftpumpe dann im Bedarfsfall nur zur Belüftung auch verwendet
werden kann. Wenn ein kleiner Motorfilter + Luftpumpe vorhanden ist,
eignet sich diese Kombination natürlich auch. Im Bedarfsfall kann man beim Motorfilter den Schwamm entfernen.
Am besten wärs, wenn man den Filter im Gesellschaftsaquarium
als ‘Zweitfilter’ mitlaufen lässt, sodass immer ein eingefahrener
biologisch aktiver Filter zur Verfügung steht. Wenn Medikamente
eingesetzt werden, entfernt man den Filterschwamm, wäscht ihn
durch und ‘parkt’ das eingeschaltete Gerät in einem Kübel Wasser für eine Verwendung zu einem späteren Zeitpunkt.
Das Einzugsbecken enthält als Bodengrund ca. 1 cm Quartzsand, um Spiegelungen der Fische in der Bodenscheibe zu vermeiden. Pflanzen können vorhanden sein, wenn man sie wie Anubias, Javafarn auf Steinen
fixiert oder in kiesgefüllten Tontöpfen einpflanzt, damit sie auch rasch wieder aus dem Becken entfernt
werden können. Auch Hornkraut (Ceratophyllum demersum), flutend eingesetzt, ist eine
großartige Pflanze fürs Einzugs- bzw. Quarantäne-Aquarium, weil
es neben seiner leichten Pflegbarkeit auch antibiotikaähnliche
Stoffe abgibt, die zur Reduzierung von Krankheitskeimen führen.
Wenn das Becken gefiltert und der Filter schon biologisch
eingelaufen ist, kann auch sparsam gefüttert werden. Am besten ein
gut verdauliches Frostfutter wie Artemia salina oder Weiße
Mückenlarven verwenden (bei Bodenfischen alternativ Schwarze
Mückenlarven oder Daphnien). Wenn das Becken nicht gefiltert wird
kann trotzdem gefüttert werden. In diesem Fall täglich einen
Teilwasserwechsel von 25 % durchführen, dabei ein bewährtees
Wasseraufbereitungsmittel verwenden – die Schutzkolloide darin verbinden
sich mit der Schleimhaut der Fische und machen sie resistenter
gegen Krankheitserreger.
Ja – dann brauchts natürlich noch ein Thermometer und einen
Regelheizer. Wie erwähnt wäre die Anschaffung einer Luftpumpe vorteilhaft, da die
Wirksamkeit vieler Medikamente von herkömmlichen Aquariumfiltern
beeinträchtigt wird.
Die Rückseite des Aquariums sollte dunkel gehalten sein, eine handelsübliche
Fototapete erfüllt diesen Zweck ausreichend. Eine vorteilhafte ‘Black-Box’ erreicht man durch das Streichen der entfetteten Aquariumscheiben mit einem wasserlöslichen Lack. Gestrichen werden die äußeren Scheiben, die Silikonnähte sollten mit dem Lack nicht in Kontakt kommen.
Das Einzugsbecken ist rasch aufgestellt und rasch wieder
aufgebaut. 15 Minuten reichen für die Aktion. Die Austrocknung von
Becken und Sand bis zur nächsten Wiederverwendung ist als Mittel
zur ‘Desinfizierung’ (bzw. zum Absterben nahezu aller Keime)
völlig ausreichend. Die Verwendung von Heißwasser mit 65 °C (elektrische Geräte
nicht damit behandeln!) über zwei Stunden tötet so gut wie alle bekannten Krankheitserreger ab, gegen Viren und hartnäckige Dauerstadien hilft der Einsatz von chlorhältigen Präparaten. Damit lassen sich auch die technischen Gerätschaften keimfrei machen, was mit der bewährten Salzlake (ein breiiges Gemisch aus Wasser und Salz) nur schwer möglich ist.
Ein ‘optimales’ Quarantäne-Aquarium stellen die klassischen 54
oder 112 Liter Einsteiger-Sets dar. Sie sind schon für wenig Geld
erhältlich, jedenfalls ist der finanzielle Aufwand dafür etwa
gleich hoch wie ein Totalausfall von Neuzugängen + Kosten für
Medikamente. Es bedarf jedenfalls nur der Bereitschaft des
Aquarianers, Verantwortung für neu erworbene oder vorhandene
Fische auch in der Praxis zu zeigen.
Das Quarantäne- oder Einzugsbecken sollte für jeden Aquariumbesitzer so selbstverständlich sein wie der regelmäßige Teilwasserwechsel. Der damit verbundene Aufwand ist
vernachlässigbar gering im Vergleich zum Nutzen, den das Einzugs- bzw. Quarantäne-Aquarium bietet. In der Vorbeugung liegt die effektivste Methode, den Ausbruch von Krankheiten zu vermeiden. Man bestimmt, was als nächster Schritt passiert und bestimmt aktiv den Erfolg und ist nicht auf die Funktion eines ‘Reaktionspartners’ auf (meistens zu spät erkannte) vollendete Tatsachen reduziert.
Kommentar
Quarantäne aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie Silberhai erstickt an einem Guppy